Manufacture PRELLE & Cie Gesichte

Wir müssen uns bis in des XVIII Jahrhunderts zurück begeben, um die Ursprünge der Manufaktur Prelle richtig einordnen zu können. Noch heute existierende Dokumente aus dem Jahre 1740 bestätigen, dab ein Fabrikant namens Guyot, von dem man weib, daß er einen guten Ruf genoß, eine arbeitende Fabrik leitete. 1769 wird der Name des Hauses in Guyot und Germain umgewandelt. Wie alle anderen in dieser Zeit produzierte die Fabrik sowohl für die Bekleidungs- als auch für die Möbelindustrie, das heisst für Bezugstoffe. Die Kunden waren vor allem der Garde meuble des Königs, der französische Hof sowie die ausländischen Höfe und schließlich die Händler aus Paris. Schon ein Jahr später wurde Pierre Toussaint-Déchazelle Leiter des Entwurfbüros der Fabrik und mit dem Tode Guyots Teilhaber, wie es zu dieser Zeit der Tradition der größten Fabrikanten entsprach: die Partnerschaft eines Fabrikanten mit einem Zeichner (Designer) war für den Erfolg der Fabrik ausschlaggebend, da dieser eng mit der künstlerischen Kreativität verbunden war. Auf diesem Fall war Déchazelles gerade erst 18 Jahre alt. Später wurde er der erste Museumskonservator des musée des Beaux Arts (Museums der schönen Künste) seiner Stadt. Als er sich dem Hause Guyots anschloß, war er noch sehr jung, legte dem Haus aber schnell seinen neuen Stil auf.

Als sich Germain 1788 ganz zurückzog, blieb Pierre Toussaint-Déchazelle 3 Jahre lang alleine am Ruder: eine schwierige Epoche, da sich das Klima allgemein verschlechterte. Déchazelle wählte Arthaud zu seinem neuen Partner. Ab 1793 findet sich Lyon in einer Situation der völligen Engpässe: abgeschnitten von allen Absatzmärkten und völlig isoliert von der Hauptstadt. Déchazelle und Arthaud konnten diese Krise leider nicht überstehen und ihre Firma wurde von Corderier und Le Mire übernommen.

Mehrere wichtige Aufträge des Königs, von denen die Muster noch existieren, sind zwischen 1774 und 1787 von Desfarges ausgeführt und geliefert worden. Der wichtigste ist sicherlich die Bestellung von 1787 für die Sommermöbel von Marie-Antoinette in Versailles. Diese Ausstattung war eine Kombination von broschierten und gestickten Seidenstoffen, die heute in dem 1980 nach Originalplänen rekonstruierten Zimmer zu bewundern sind.

Die aus seinem Hause stammenden Dokumente wurden so Teil des reichhaltigen Fonds von Jean-François Bony, der diese für die neue Partnerschaft Bissardon und Bony benutzte. Jean François Bony wurde 1754 in der Nähe von Lyon geboren. Er war demnach 30 Jahre jünger als Philippe de Lasalle. Nach einem gründlichen Studium an der Ecole des Beaux Arts, der Schule der schönen Künste, zog er nach Paris, um sich dort in der Malkunst zu perfektionieren. Eine grobe Anzahl seiner Zeichnungen und Entwürfe, sowohl für Innendekoration als auch für Bekleidung, sind noch heute erhalten. Die Regierungszeit Ludwigs XVI entspricht der Epoche, in der die Herrenkleidung den absoluten Höhepunkt der Finesse erreichte. Besonders die Jacke, Objekt extremer Eitelkeit, in Seidensamt oder Satin gewebt und an den Ärmelaufschlägen mit exquisiten Stickereien von Blumen oder sogar Miniaturlandschaften geschmückt, wurden zu der Spezialität der Lyoner.

Im Dezember 1811 bestellte Napoleon bei Bony Seiden für den kleinen Salon der Kaiserin Marie-Louise im Versailler Palast. Jean-Pierre Bissardon war ein erfahrener Fabrikant, der die kreativen Ideen seines Partners mit den modernsten Webtechniken umzusetzen wubte; z.B. im Bereich des ziselierten Samtes auf Gold- oder Silbergrund oder die Imitation von Spitzen durch eine ausgefeilte Gewebestruktur. Eine Bestellung wurde 1812 auf einem karminroten Atlasgrund für das Toilettenkabinett der Kaiserin im Palast von Versailles ausgeführt. Die kaiserlichen Bestellungen, die das Haus zwischen 1808 und 1811 für die Tuilerien und für Meudon und vor allem für die groben Appartements in Versailles bekommen hat betreffen fast alle auberordentliche Seidenstoffe.

Nachdem sie die vielen Lieferungen an den Garde Meuble vollzogen hat, sah sich die Seidenindustrie einer neuen Krise entgegengehen, da es neue Märkte fehlten. So entscheidet sich dann auch Bissardon für den Ausstieg. Das gesamte riesige Gesellschaftsvermögen von Entwürfen, Zeichnungen und Mustern seines Hauses wurde nun von seinem Kollegen Chuard, selbst Fabrikant und Lieferant des Garde Meuble, übernommen. Dieser wubte diese Schwierigkeit besser zu überwinden.

Corderier und Le Mire, die Nachfolger von Déchazelle und Arthaud, führten in dieser Zeit wichtige Liefermengen für die groben Appartements des Versailler Palastes und für den Groben Trianon aus. Zur gleichen Zeit wurde Chuard die Herstellung einer Wandbespannung anvertraut, die - nach seinen Büchern - für den Mailänder Palast (Hauptstadt des italienischen Königtums und Vassal des Kaisers Napoleon) vorgesehen war. Zwischen 1811 und 1812 können nicht weniger als 9 Aufträge in diesem neuen napoleonischen Stil für die Renoviereung Versailles aufgezählt werden, die sich die beiden Häuser Corderier & Le Mire und Chuard teilten, und wie es das Schicksal fügt sollten sich die beiden Häuser 1830 zusammenschlieben.

Die fünfzig Jahre, die auf Napoleons Fall folgten, waren insgesamt für die Lyoner Seidenindustrie eine Periode des Wachstums: so stieg die Zahl von 42000 im Jahre 1832 arbeitenden Webstühlen in 15 Jahren auf 66000. Das Haus Corderier & Le Mire, dessen Gesellschaftsform in diesem halben Jahrhundert mehrmals wechselte um schlieblich 1842 Le Mire Vater & Sohn zu werden, hatte an dieser Expansion teilgenommen. Die guten Kontakte zum tzarischen Rußland bewahren sich bis in die Zeit von Lamy und Giraud, die Le Mire im Jahre 1865 nachfolgten.

Um die Übernahme von Le Mire zufriedenstellend ausführen zu können, schloß sich Antoine Lamy mit Auguste Giraud zusammen, mit der Idee sich auf die Herstellung von Möbelstoffen zu konzentrieren. 1881 entschied Lamy eine moderne Fabrik auf das Hochplateau von La Croix Rousse zu setzen, um dort die Vorbereitung der Seiden und die Handwebstühle, die bisher vereinzelt in kleinen Familienbetrieben in den Wohnungen zu finden waren, unter einem Dach zu vereinigen. Gleichzeitig interessierte sich Lamy sehr für die neuen mechanischen Webstühle, die so nach und nach die Handwebstühle in der Produktion von den Unistoffen oder den einfachsten Façonnés ersetzen.

Weder Lamy noch Giraud waren Zeichner (oder, wie man heute sagt Designer), doch hatte das Haus sein eigenes Kreationsbüro, dessen Chef kein anderer als Balthazar Eugène Prelle war. Man nannte ihn, den brillianten Zeichner und Designer, den «Vater Ludwig des XVI», da er das grobe Talent hatte, Motive von diesem Stil neu zu komponieren und mit dem Geschmack der eigenen Epoche zu versehen. 1894 verläbt er Lamy, um sein eigenes Kabinett zu eröffnen, in dem seine beiden Söhne als Seidenmusterdesigner arbeiten. Sein Sohn Aimé sollte später sein Nachfolger werden. Unter zahlreichen wichtigen Entwürfen hat Eugène Prelle 1874 ein Croquis von Charles Garnier für das Foyer der Pariser Oper adaptiert.

Auf der Weltausstellung von 1900 in Paris, präsentierten Lamy und Giraud neben traditionellen Musterentwürfen auch Kreationen von einem neuen Geist.Inzwischen hatte Edouard Lamy die Nachfolge seines Vaters übernommen. Die Firma hieb nun Lamy und Gautier. 1918 starb Edouard Lamy durch einen Unfall. Sein Partner, Romain Gautier, rief Aimé Prelle in die Leitung der Firma und machte ihn wiederum zu seinem Partner. 1927 übernahm Aimé Prelle die Firma ganz und so wurde diese zu Prelle und Compagnie.

Mit Ende des ersten Weltkrieges wurde die Firma mit einer neuen Entwicklung der Kundschaft konfrontiert, da die Wirtschaftskrise von 1929 schnell die Euphorie der Nachkrieggszeit zerstreut hatte. Die Firmen wurden erneut auf die Probe gestellt: künstliche Fasern kamen auf ; leistungsstarke mechanische Webstühle wurden unentbehrlich ; und vor allem entwickelten die Dekorateure eine neue Mode der so absoluten Schlichtheit, dab sie den unifarbenen Stoffen den Vorzug gaben und Musterstoffe völlig ablehnten. Aimé Prelle bat seinen Schwiegersohn Charles Verzier bei der Meisterung dieser neuen Anforderungen zu helfen und die Arbeitsmittel anzupassen. Er bat auch seine Tochter Thérèse Verzier - ehemalige Studentin der Ecole des Beaux Arts von Lyon und von Michel Dubost, der als Leiter des Ateliers von Ducharne der Kreateur der schönsten Haute-Couture-Stoffe des Art Déco geworden war - für ihn zu arbeiten. Thérèse Verzier kam nach 1950 zurück an ihren Platz im Entwurfsbüro.

Als Charles Verziers 1948 starb, übernahmen dessen Söhne François und Philippe die Leitung der Firma. Der älteste Sohn von François, Guillaume Verzier, hat inzwischen auch deren Nachfolge übernommen und repräsentiert so bereits die fünfte Generation der Familie.